Verfasst von: gedichteforentheo | November 5, 2009

Versformen

Hauptsächlich werden antikisierende und romanische Versformen unterschieden. Antikisierende Versformen sind bereits in der Antike in der lat. und griech. Sprache entstanden und erklären sich durch die in diesen Sprachen übliche Definition, Metren (s.a. Metrik) als Abfolge von langen und kurzen Silben zu verstehen. Antikisierende Versformen wurden in der Literatur immer wieder umgeformt und verändert, was eine Vermehrung von Abwandlungen zur Folge hatte.
Romanische Versformen sind, wie der Name impliziert, in der ital. und franz. Sprache entstandene Versformen, die in die deutsche Sprache und die deutsche Literatur übernommen und adaptiert worden. Sie entstanden zumeist im späten Mittelalter.

 

Antikisierende Versformen:

  • Jambischer Trimeter: Zwei jambische Versfüße bilden ein jambisches Metrum. Nach dieser antiken Definition besteht ein jambischer Trimeter mit drei jambischen Metren aus sechs jambischen Versfüßen und ist demzufolge zwölfsilbig.
    In der Antike wurde dieses Versmaß zur Gestaltung der Personenauftritte in Tragödien verwendet.
    Deutschsprachige Adaptionen dieses Versmaßes lassen sich unter Anderem bei Faust 2 (3. Akt) finden. Hier endet der jambische Trimeter mit einer harten Kadenz. Oftmals wird dieses Versmaß aufgrund seiner Länge als schwerfällig bezeichnet.
  • Pentameter: Ins Deutsche adäquat als „fünf Maße“ übertragen, handelt es sich beim Pentameter um ein antikes Versmaß. Es steht in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Hexameter, da es den zweiten Teil des Distichons stellt. Der Pentameter besteht aus sechs Daktylen. Diese werden (in antiker Zählweise der Versmaße der griechischen und lateinischen Sprache: lange und kurze Silben bilden die Metren) aus einer langen Silbe, welcher zwei kurze Silben folgen, gebildet. Beim dritten und sechsten Daktylus werden jeweils die zwei kurzen Silben abgeschnitten. Dadurch entstehen zwei gleiche Halbverse, die einem flüssigen Leserhythmus entgegenkommen. Insgesamt besteht der Vers also aus 14 Silben.
    Im Muster kann dies folgendermaßen nachgebildet werden: – _ _ | – _ _ | – | – _ _ | – _ _ | -
    Erster und zweiter Daktylus können hierbei durch einen Spondeus, d.h. zu zwei langen Silben, ersetzt werden.
    Fünf Maße entstehen bei der Zählung der Maße, wenn die katalektischen (abgeschnittenen) Daktylen an dritter und sechster Stelle jeweils als halbe Versfüße gezählt werden.
    Eine Adaption des Pentameters fand in der dt. Sprache statt, wobei der Pentameter, entsprechend der Zählweise der Metren in der dt. Sprache, als Folge von betonten und unbetonten Silben verstanden wurde. Auftretende Spondeen, die in der dt. Sprache praktisch nicht existent sind, wurden durch Trochäen ersetzt.
    Teils werden in der dt. Sprache auch fünfhebige Jamben als Pentameter bezeichnet. Je nach Setzungsweise einer Zäsur nach der zweiten Hebung, einer Gestaltung ohne Reime und Zäsur oder der Gestaltung mit Reimen (harte oder weiche Kadenz) und ohne Zäsur entstehen dann hier Vers commun, Blankvers und Endecasillabo.
  • Hexameter: Ins Deutsche mit „sechs Maße“ übersetzt, ist dieses antikisierende Versmaß in antiker Literatur sowohl als bekanntes Versmaß der Epik (siehe z. B. Epen Homers) wie auch als Teil des Distichons in Verwendung gewesen.Wie der Pentameter besteht der Hexameter aus sechs Daktylen. Auch hier, in antiker Realisierung der Metren als Abfolge von langen und kurzen Silben, besteht ein Daktylus in der lat. und griech. Sprache aus einer langen Silbe, welcher zwei kurze Silben folgen. Der sechste Daktylus als katalektischer Daktylus ist verkürzt. Statt zwei kurzen Silben folgt in diesem letzten Daktylus des Verses der langen Silbe nur eine kurze Silbe.Es ist hierbei möglich und zulässig Spondeen (zwei aufeinanderfolgende lange Silben) als Daktylen zu ersetzen. Im fünften Daktylus ist ein Spondeus allerdings in der Regel nicht zu finden. Durch diese Ersetzungsmöglichkeit findet der Hexameter viele Variationsmöglichkeiten. Sowohl reine spondeische als auch reine daktylische Verse sind in der lat. und griech. Sprache spärlich zu finden.

    In Verbindung mit dem Pentameter stellt der Hexameter die antike Strophenform des Distichons dar.

    Adaptionen fand der Hexameter in der deutschsprachigen Literatur unter Anderem bei Klopstock, Schiller und Hölderlin. Auch hier wurden die Metren, wie in der dt. Sprache üblich, als Abfolge von betonten und unbetonten Silben realisiert. Spondeen im Hexameter wurden, da sie praktisch nicht umsetzbar sind, zu Trochäen gemacht.

Romanische Versformen:

  • Alexandriner: Im 12. Jhrdt. in Frankreich entstandenes Versmaß zur Stilisierung von Literatur. Er ist ein sechshebiger Jambus mit wahlweise harter oder weicher Kadenz. Demzufolge besteht der Alexandriner aus 12 oder 13 Silben, wobei nach der dritten Hebung eine Zäsur zu finden ist und er somit in zwei gleiche Halbverse aufgeteilt ist.
    Verwendung findet der Alexandriner in Lyrik, Epik und Dramatik. Bedeutung in der deutschen Literatur erlangte er in der Literaturepoche des Barocks in der er zur beherrschenden Versform in Sonetten aufstieg. Vor allem Andreas Gryphius verwendete den Alexandriner in seinen zahlreichen Mustersonetten über das Leiden des 30 jährigen Krieges. Aber auch andere Dichter des Barocks übernahmen den Alexandriner als Versmaß für ihre Sonette.
    Später ging das Interesse am Alexandriner durch dessen hohe Künstlichkeit zurück. Im deutschsprachigen Bereich geschah dies zur Zeit der Klassik, währenddessen er im französischsprachigen Bereich bis ins 19. Jhrdt. populär blieb und schließlich auch dort allmählich verdrängt wurde. 

    Beispiel aus dem deutschen Barock:

    Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit (1. Strophe)

    Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand
    Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen /
    Der liebliche corall der lippen wird verbleichen;
    Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /

  • Vers commun: Vers commun beschreibt ein, vor allem in der franz. Sprache, gebräuchliches Versmaß. Es besteht, der Regel der franz. Verslehre folgend, die Silben zählt, aus 10 Silben. Möglich ist es im Vers commun, der zehnten, betonten Silbe eine unbetonte Silbe folgen zu lassen, um den Vers weiblich enden zu lassen.
    Des Weiteren liegt im Vers commun nach der vierten Silbe/ der zweiten Hebung eine Zäsur, womit sich der Vers commun von anderen zehnsilbigen Versmaßen unterscheidet. In der Moderne ist der Vers commun im Gegensatz zum Alexandriner noch selten in der franz. Literatur gebräuchlich.
    Ins Deutsche übernommen wurde der Vers commun in der Literatur des Barocks und bezeichnet hier dann einen fünfhebigen Jambus mit einer harten Zäsur nach der vierten Silbe und harten oder weichen Kadenzen.
    Beispiel:
    Johann Christian Günther: Abschied an Leonore
    Du fühlst mein Weh, ich leide deine Schmerzen,
  • Endecasillabo: Als Endecasillabo wird ein aus der italienischen Sprache stammendes Versmaß bezeichnet. Wie auch im Französischen werden im Italienischen nicht die Versfüße, sondern die Silben gezählt. Der Endecasillabo weist, wie es der Name schon sagt, 11 Silben auf, wobei der Vers immer mit einer weichen Kadenz endet, da die zehnte Silbe betont wird und in der italienischen Sprache der überwiegende Teil der Wörter unbetont endet.Verwendet wird der Endecasillabo unter anderem in italienischen Sonetten, wo es das Hauptversmaß darstellt. Berühmt in der italienischen Literatur wurde der Endecasillabo durch die Verwendung bei Dante Alighieri.Deutsche Adaption eines Endecasillabos:

    Johann Wolfgang Goethe: Reisezehrung

    Entwöhnen soll ich mich vom Glanz der Blicke,
    Mein Leben sollten sie nicht mehr verschönen.
    Was man Geschick nennt, läßt sich nicht versöhnen –
    Ich weiß es wohl, und trat bestürzt zurücke.

  • Madrigalvers: Der Madrigalvers stammt aus der italienischen Literatur und wird im 17. Jahrhundert in die deutsche Literatur übernommen und ist bis heute ein beliebtes Versmaß der deutschen Literatur.
    Einen Madrigalvers zeichnen alternierende (wechselnde) Hebungszahlen aus. Die Verse sind unregelmäßig gereimt und mit Waisen (reimlosen Versen) durchsetzt. Das Reimschema ist unregelmäßig. Wahlweise können die Verse jambisch oder trochäisch dargestellt sein.
    So ist der Madrigalvers ein recht freies Versmaß. 

    Beispiel:

    Goethe: Faust 1

    Besonders lernt die Weiber führen!
    Es ist ihr ewig Weh und Ach,
    Aus Einem Punkte zu kurieren.
    Ein Titel muss sie erst vertraulich machen

  • Romanzenvers: Ursprünglich zeigt sich der Romanzenvers als sechszehnsilbiger Vers mit einer Zäsur nach der achten Silbe und zweiversiger Strophe und wird aus der spanischen und italienischen Literatur in die deutschsprachige Literatur übernommen.
    Der Vers wird durch die Charakterisierung als sechszehnsilbiger Vers mit Zäsur nach der achten Silbe in zwei gleiche Halbverse aufgeteilt. Formal sind Assonanzen für den Romanzenvers charakteristisch, die gepaart auftreten.
    In der späteren deutschen Literatur ab dem 18. Jahrhundert findet der Romanzenvers Eingang als achtsilbiger Vers mit vierversigen Strophen. Die Zäsur fällt dann hier mit dem Versende zusammen. Die Assonanzen oder Reime, die des Öfteren die Assonanzen ersetzen, treten dann unterbrochen auf. 

    Beispiel: August von Platen: Grab am Busento

    Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder,
    Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider!
    Und den Fluß hinauf, hinunter, ziehn die Schatten tapfrer Goten,
    Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.
    Wie bei der Ballade befinden sich in der Romanze vielfach epische Elemente, weswegen Ballade und Romanze oftmals synonym verwendet werden, auch wenn sie sich formal unterscheiden.

  • Blankvers: Abseits romanischer und antikisierender Versmaße steht der in der engl. Literatur entwickelte Blankvers, der in der deutschsprachigen Literatur durch die Stilisierung zum bedeutendsten Versmaß der deutschen Klassik Verwendung fand. Der Blankvers ist ein ungereimter, fünfhebiger Jambus.
    Beispiel: Goethe: Iphigenie
    Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
    Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
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