Was ist ein Gedicht?
Um diese Frage zu klären erscheint es sinnvoll zunächst die Positionierung dieses Begriffes (wie es im Alltagssprachgebrauch zumeist geschieht) innerhalb der Literatur zu bestimmen. Der Begriff „Lyrik“ stellt in diesem Zusammenhang eine literarische Gattung dar und die Bezeichnung „Gedicht“ kennzeichnet einen Text, welcher zu dieser Gattung zählt, also einen „lyrischen“ Text.
Der Begriff „lyrisch“ wird jedoch auch in einem weiteren Sinne genutzt und besitzt mannigfaltige Bedeutungen. So gibt es die Bezeichnung „lyrisches Drama“, mit welcher das Stück „Der Tor und der Tod“ von Hugo von Hofmannstahl bezeichnet wird. Auch außerhalb der Literatur findet der Begriff Verwendung. Mit „lyrischer Tenor“ wird beispielsweise eine weiche, für gefühlsbetonten Gesang geeignete Stimme betitelt. Ferner kann von „lyrischen Stimmungen“ die Rede sein, welche sich bei Naturbetrachtungen einstellen könnten. In diesem Sinne bedeutet lyrisch „stimmungsvoll“ oder „gefühlsbetont“. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Gedichte nicht zwangsläufig auch Träger lyrischer Stimmungen sein müssen. Als klassisches Beispiel für diesen Umstand könnten die Gedichte „Der Held und der Reiterknecht“ von Christian Fürchtegott Gellert oder „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ von Gottfried Benn herangezogen werden. Als typisch für den Ausdruck „lyrischer Stimmungen“ sind hingegen die als „Stimmungsgedichte“ bezeichneten Gedichte der klassisch romantischen Tradition zu erwähnen, welche bei Clemens Brentano oder Eichendorff in ausgeprägter Form anzutreffen sind.
Vergleicht man die relativ klare Einordnung des Begriffes „Gedicht“ neben den Gattungen “Drama” und “Epik” mit der „Realität“ vorhandener Texte, so wird schnell deutlich, dass eine so saubere Definition nicht immer möglich ist.
Vor dem Hintergrund der stetigen Variabilität des Begriffes „Gedicht“ im Laufe seiner Geschichte ist eine Klärung dessen, was heute sinnigerweise unter diesem Begriff zu verstehen ist, nur im Hinblick auf seine Entstehungsgeschichte und die verschiedenen Traditionen wirklich realisierbar. Da eine solche Betrachtung nicht für eine kurze, plakative und leicht zu verstehende Darstellung sinnvoll ist, sollen lediglich einige als „typisch“ zu bewertende Merkmale von Gedichten angedeutet werden, deren uneingeschränkte Gültigkeit aber fraglich erscheint.
Typische Merkmale könnten sein:
- die Verwendung eines geordneten Metrums (fällt bei modernen Gedichten meist weg)
- optische und inhaltliche Strukturierung in Form von Strophen
- klangliche Gestaltung mittels sich gleichender Silben (Reim)
- Verwendung typischer rhetorischer Figuren wie Anapher, Alliteration, Inversion etc…
- Sprachliche Ökonomie, welche sich in einer hohen Informationsdichte (Inhalt pro Textlänge) widerspiegelt (Mit wenig Text viel aussagen).
- Ausgeprägte Subjektivität, die sich meist in einem “lyrischen Ich” manifestiert

Eine spannende, wenn auch kurze Einführung in die Lyriktheorie.
Das Gedicht als literarische Form vermag Dinge auszudrücken,
die jenseits unseres Ausdruckshorizontes liegen.
Demzufolge kann man es nur vage kategorisieren.
Wichtig ist, dass man nicht aufhört, diese kurzen Wunderverse
immer wieder aufs Neue zu lesen.
Vielen Dank für den Artikel.
Es grüßt chorone.
Von: neochorone am Februar 6, 2011
um 2:51 pm
hallo, chorone
schön, dass du auf unsere Seite gefunden hast!
ich denke, gerade heute fällt eine Kategorisierung des Gedichtes schwerer als je zuvor, da es sich stark im Wandel befindet bzw. der Begriff sich wandelt, den wir von “Gedicht” haben. außerdem sollte man sich beim Lesen eines lyrischen Textes nicht allzu sehr mit dem Hineinquetschen in Kategorien aufhalten, das verstellt Perspektiven. Ja, das Gedicht ist in der Lage, Welten zu öffnen, von denen wir nie etwas ahnten. und dann sind wir auf einmal mitten drin. danke für deinen Kommentar!
Gruß
Strohpuppe
Von: strohpuppe am Februar 7, 2011
um 4:01 pm
Für mich ist ein Gedicht und auch die Lyrik ein praktisch unendlicher Pool von Interpretationsmöglichekeiten. Auch wenn der Autor nicht immer daran gedacht hat, dass auszusagen was andere erkennen.
Doch dies macht gerade das spannende an Gedichten aus.
Auch ich selber schreibe ab und an Gedichte und von den Leuten die diese vorgesetzt bekommen, höre ich auch teils andere Ansätze.
Und danke für den informativen Eintrag.
Liebe Grüße vom Nachklang
Von: nachklang am September 21, 2011
um 8:47 pm